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1. Oktober 1999

Freitag, 1. Oktober Hin South->North

Ankunft am Park am 30.9. gegen 1700 Uhr. Ankunft am Backcountry Office 1754. Seit 1700 geschlossen, öffnet am 1. Oktober wieder um 800 Uhr.

Textfeld:  Kein Permit für weitere Trails möglich. Abmarsch 1. Oktober 550 mit Sonnenaufgang. Der Abstieg ist sehr gewöhnungsbedürftig. Es liegen viele Steine verschiedenster Größe auf dem Weg. Ich komme langsamer voran als gedacht. Ich habe 4 x ¼ Gallonen Gatorade mit. Und 3 Pfund Äpfel. Und sieben Scheiben trockenes Brot.

Bei den Pausen richte ich mich nicht nach den eingerichteten Pausenplätzen sondern nach meinem eigenen Rhythmus. Ich merke mir die Wasserstellen genau: Indian Gardens, Phantom Ranch, Cottonwood Campground, ein Privathaus ca. zwei Meilen nach Cottonwood, ein WC kurz vor dem Ziel.

Bis Indian Gardens habe ich noch nichts getrunken. Zu diesem Zeitpunkt halte ich vier Liter für viel zu viel. Später zeigt sich, daß zwei durchaus ausreichen, wenn man die vorhandenen Wasserstellen zum Auffüllen nutzt. Aber man sollte immer Reserven haben. Eine Wasserstelle kann auch mal defekt sein, oder ein anderer Hiker kann ggf. Wassermangel haben.

Textfeld:  Die vorhandenen Creeks darf man nicht als Trinkwasser heranziehen. Das Wasser ist nicht gut. Ich habe aus einem Seitenbach des "Bright Angel Creek" Wasser zum Erfrischen (äußerlich) abgefüllt und davon Hautausschlag bekommen.

Bei Indian Gardens, nach dem halben Abstieg also, tun die Waden und die Füße schon leicht weh. Am Colorado habe ich keine Lust, die Zeit für ein kurzes Fußbad zu opfern. Weiter zur Phantom Ranch und zum Bright Angel Creek. Hier versucht jemand, Wasser zu holen, kommt aber nicht ran. Später gibt es eine Stelle, wo ich mir eine Flasche hole. Das Gatorade ist mir inzwischen zu süß geworden. Das Wasser benutze ich aber nur, um mir nach dem Trinken den Mund auszuspülen oder um mich äußerlich abzukühlen.

Der Weg am Bright Angel Creek hatte ja noch ab und zu Schatten. Doch nun beginnt die Wüste. Völlig unspektakulär beginnt sie mit einer Oase. Doch der Trail ist plötzlich zu Ende. Ich gehe zurück und suche nach dem richtigen Weg. Es gibt nur ein ausgetrocknetes Flußbett mit lauter runden Steinen. Also wieder vor. Da geht ein Trampelpfad von niedergetretenen Pflanzen direkt in die Oase hinein. Ich folge ihm und komme auf einen Schlammpfad mit ein paar hingelegten flachen Steinen.

Just an dieser Stelle kommt mir ein Hiker entgegen und bestätigt mir, daß ich (wieder) auf dem richtigen Weg bin. Die Wüste ist heiß und es gibt keinen Schatten. Der einzige Schattenplatz unter einem riesigen Stein (ca. drei Meter lang und einen Meter hoch), der von wenigen, eigentlich viel zu kleinen Steinen daran gehindert wird, der Schwerkraft zu folgen, ist von einer Gruppe von Hikern belegt, die nur noch bis Cottonwood müssen und deshalb auf den Sonnenuntergang warten.

Ich muß weiter. Die Nachmittagssonne brennt erbarmungslos. Die Gruppe sagt mir noch, daß es nur noch eine kurze Strecke von ca. zwei Meilen bis Cottonwood ist. Als ich etwas weg bin, beginnen sie zu lachen. Der Grund wird mir bald klar. Die angegebene Entfernung mochte gestimmt haben. Aber es geht bis Cottonwood mitten durch die Wüste und nun ohne jeden Schatten noch zweimal hoch bergauf. Was ich immer dann hassen kann, wenn es so völlig unnütz ist, weil es danach wieder auf den gleichen Level runter geht.

Vor einer Abzweigung zu den Wasserfällen steht in ziemlichem Abstand ein Schild, das aussagt, daß man bei Hochwasser auf dem Weg zu den Wasserfällen die Brücke benutzen soll. Mehr steht nicht drauf. Was ich nicht weiß und auch nicht sehen kann: Der Weg zu den Fällen geht am gegenüberliegenden Ufer wieder zurück und – obwohl es so ausschaut, als könne man nicht an den Bach ran – an dieser Stelle ist das "Steilufer" von ca. einem Meter Höhe durch künstlich angelegte Stufen erreichbar.

Kurz vor der Brücke gabelt sich dann der Trail. Geradeaus zu den Fällen und rechts nach Cottonwood. Mir kommt kurz vor der Gabelung ein Paar entgegen, das nach Cottonwood will, jedoch in die Wüste Richtung Phantom Ranch geht. Ich kann das glücklicherweise aufklären und sie müssen nur ein paar Meter bis zur Abzweigung zurück. Auch so kann man ggf. in Wassermangel geraten.

Kurze Zeit später kennen sie den Weg wieder und sagen mir, daß Cottonwood nicht mehr weit ist. Es sei "eigentlich schon zu sehen". Nun, ich sehe nichts und sie relativieren ihre Aussage dahingehend, daß es "hinter dem Felsen da hinten" liegt. Ich weiß nicht, was sie meinen. Im Nachhinein war es dann doch noch mal eine Meile, was in der Wüste sehr viel sein kann. In Cottonwood fülle ich dann meine inzwischen leer gewordenen Gatorade-Flaschen mit Wasser auf. Es sind drei.

Es ist inzwischen erkennbar, daß mir die Zeit knapp wird. Es ist mit gleichem Tempo nicht mehr schaffbar, North Rim vor Sonnenuntergang zu erreichen. Aufgrund der Situation mit den Permits – man muß vor der Querung des Canyons die Erlaubnis erhalten, darin übernachten zu dürfen, andernfalls muß man bis Sonnenuntergang durch sein – beginne ich auf die Frage nach meinem Tagesziel gezielt zu lügen. Meist sage ich Cottonwood. Doch auch das stellt sich schnell als gefährlich heraus. Einer verwickelt mich in ein Gespräch darüber, wie es mir denn gelungen sei, mein Permit zu erhalten. Und ich kenne noch nicht einmal das Verfahren dazu. Es geht gut, darf mir aber nicht wieder passieren.

Im Campground Cottonwood verabschieden sich viele von mir mit "see you later". Ich antworte immer ehrlich mit "bye". Die merkwürdigen Minen ignoriere ich und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub.

Um 1800 Uhr komme ich an einer Hütte vorbei, die ein öffentliches Klo hat. Ich frage den Besitzer, ob ich darin auf den Sonnenaufgang warten darf. Er fragt mich nach meinem Permit, das ich ja aber nicht habe. Wegen der wilden Tiere wäre es mir lieb gewesen. Nun ja. Er meint, ich könnte es in 2-3 Stunden gut schaffen bis North Rim. Um 1900 Uhr ist es aber stockfinster. Soviel weiß ich bereits. Und es gibt keinen Mond. Die kleine Sichel geht erst gegen 300 Uhr morgens auf. Ich mache mich also auf den Weg.

Sein Grundstück hat noch einen zweiten Ausgang. Er steht plötzlich mit seiner Frau neben mir. Er fragt mich, ob ich eine Taschenlampe hätte. Ich verneine. Er gibt mir eine von sich mit, die ich im Backcountry Office am North Rim abgeben soll. Das sage ich auch zu.

Ich gehe noch eine Stunde, es ist inzwischen angenehm und ich komme auch ganz gut voran. Wenn diese Phase nicht so kurz wäre. Morgens brennt die Sonne bereits ½ Stunde nach Sonnenaufgang. Sie kennt hier kein Erbarmen. Ich überlege und beschließe, trotz der wilden Tiere unterwegs zu übernachten. Also werfe ich meine restlichen Lebensmittel rechtzeitig ausreichend abseits des Weges weg, um keine Tiere unnötig anzulocken. Es gibt zwar überhaupt kein Schild darüber, aber Müll wie Verpackungsmaterial wirft hier niemand weg. Ich tue den Müll in die vierte Gatorade-Flasche, die ich zu diesem Zweck – noch über halbvoll – auskippe. Den Rand und den Deckel spüle ich mit Trinkwasser aus.

Ein Stück Wegs später lege ich mich zum Schlafen direkt auf den Trail. Ich habe nur einen Schlafsack, den ich verkehrt herum anziehe. Er ist also oben zu und unten offen. Das hat den Vorteil, daß keine Kleintiere oder Insekten an meinen Kopf herankommen. Dafür kann ich aber nichts mehr sehen. Und das bei einem Stück Wegs, das ca. anderthalb Meter breit ist und an der Bergseite ziemlich steil ist. Den Rucksack benutze ich als Kopfkissen. Nach ca. vier Stunden wache ich auf, weil mir äußerst kalt ist. Als ich auch noch zu niesen beginne, mache ich mich wieder auf den Weg, um mich aufzuwärmen.

Textfeld:  Dadurch stelle ich fest, daß es auch windstille Stellen gibt. Ich finde jedoch keine, wo ich mich auch hinlegen könnte. Dann finde ich an einer windigen Stelle ein Wegstück mit einer Vertiefung, in die ich genau rein passe. Geweckt werde ich durch herannahende Schritte. Verstecken ist sinnlos, also ergebe ich mich in mein Schicksal, daß ich aufgeflogen bin. Der andere sieht mich und entschuldigt sich sofort. Ich sage, daß es nichts macht und ob er vorbei kommt. Und weg ist er auch schon wieder. Da jederzeit der nächste kommen kann, mache ich mich wieder auf den Weg. Inzwischen fehlt mir die Kraft. Derselbe Aufstieg wie vorher problemlos trainiert, macht nach 27 km Fußweg nun doch Probleme. Ich komme erst gegen 1030 Uhr an. Wieder werde ich gefragt, woher ich denn käme. Die einzig plausible Antwort, die keinen Permit verlangt, ist, daß ich früh vom North Rim aufgebrochen wäre, um den Sonnenaufgang zu fotografieren. Sie wird ausnahmslos geglaubt. Mein Rucksack paßt allerdings nicht so ganz zu der Ausrede, so daß einer meint, ich hätte mir statt dessen doch besser einen Affen umgebunden.

Zwei Tage Aufenthalt, um meinen Muskelkater und meine Füße auszukurieren. Keine besonderen Vorkommnisse, ich schlafe im Freien in gewohnter Manier. Es ist zwar auch hier verboten, wird aber nicht bemerkt.

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