kostenloser Besucherzähler

 

Rückmarsch

Rückreise am 4. Oktober

Diesmal habe ich mich besser vorbereitet. Zu essen habe ich nichts dabei außer sechs Power-Riegeln. Diese beinhalten alles, um den Körper ausreichend mit Energie zu versorgen. Sie haben mich auch wirklich bis zum letzten Moment bei Kräften gehalten. Zu trinken habe ich eine nicht ganz mit Wasser gefüllte und zwei leere Gatorade-Flaschen dabei. Das wird zwar bis zu der Hütte (mit der Taschenlampe) etwas knapp. Dafür gibt es hier aber das beste Wasser – frisches Quellwasser. Die Leute sind nicht da und ich klemme einen vorbereiteten Brief unter das Telefon.

Auf dem Rasen vor dem Haus liegen drei Tschechen im Schatten. Während ich meine schon wieder zerschundenen Füße kühle, unterhalte ich mich mit einem von ihnen in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Ich erzähle ihm die Geschichte der vergangenen Nacht. Er kann sich eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen.

Ich muß weiter. Zwei Flaschen habe ich mit Wasser gefüllt. Die dritte bleibt leer. Schließlich muß ich ja alles im Rucksack tragen. Cottonwood hatte ich irgendwie anders in Erinnerung. Beim Schild am Ende merke ich, daß ich die Wasserstelle verpaßt habe. Mit meinen Füßen beschließe ich, daß das zur Verfügung stehende Wasser bis zur Phantom Ranch reicht. Ich gehe die hundert Meter nicht zurück.

Vor mir liegt die Wüste. Es ist bereits wieder mörderisch heiß. Ich überlege immer hin und her, ob ich raus nach South Rim oder bei den Wasserfällen schwarz campen soll, um meine Füße zu schonen. Ich kann mich nicht entscheiden. Dann kommt der kleine Bach, dessen Wasser später bei mir auf der Brust zu Ausschlag führt. Ich ziehe Schuhe und Strümpfe aus und kühle meine Füße. Das wird von nun an immer dann nötig, wenn ich mehr als ein paar Meter bergab gegangen bin. Ein Paar, das offensichtlich dasselbe vorhatte, zieht weiter. Es wäre Platz genug für alle gewesen.

Meinen Füßen geht es für den Moment so gut, daß wir (meine Füße und ich) nun endgültig beschließen, zum South Rim zu gehen und Wasserfälle Wasserfälle sein lassen. Die letzte Fußkühlung lag genau zwischen den beiden Erhebungen in der Wüste. Ich mußte also wieder bergab. Daraufhin habe ich einfach ein Stück des Weges in den Bach verlegt. Schuhe, Strümpfe und Hose waren entsprechend naß.

Querfeldein ging es dann zurück zum Trail. Dazwischen der "Steilhang", der eigentlich eine Mauer war. Schutz der Kakteen gegen Hochwasser. Auf einem Schild habe ich mal gelesen "They grow by inch and die by foot". Direkt läßt es sich nicht sinnvoll übersetzen. Am besten gefällt mir noch die Auslegung >Sie wachsen Zoll um Zoll und sterben Fuß um Fuß<. Ich war also bemüht, bei meinem frevelhaften Vergehen keine Pflanzen zu zertreten.

Bei dem vom Hinweg noch bekannten einzigen Schattenplatz, unter dem Stein, habe ich dann meine Strümpfe ausgewrungen. Die Wüste zog sich und zog sich. Der Weg am Bright Angel Creek genauso. Schließlich wollen siebzehn Kilometer erst mal gegangen sein.

Die Phantom Ranch machte bei meiner Ankunft – es war inzwischen 1600 Uhr - einen ganz anderen Eindruck auf mich als noch beim Hinweg, wo ich irgendwie die Hauptstraße verpaßte. Für mich in gesundem Zustand hätte ich für die folgenden sechzehn Kilometer mindestens vier Stunden veranschlagt. Zwei bis Indian Gardens und zwei für den Rest. Nach drei Stunden würde es aber bereits dunkel sein. Ich hoffte, bis dahin Indian Gardens erreicht zu haben.

Zunächst überquerte ich den Colorado River und ging an diesem entlang bis zum Bright Angel Canyon. Dort entschloß ich mich diesmal, trotz Zeitnot einen Abstecher zum Strand des Colorado zu machen, um meine Füße zu kühlen. Das Wasser brannte ziemlich an den geschundenen Füßen. Nach dieser Wohltat war ich um 700 Uhr am Indian Gardens Campground. Da ich diesen auf dem Hinweg nicht gefunden hatte, vermutete ich, in der Nähe von Indian Gardens zu sein. Weit gefehlt. Dort kam ich erst gegen 800 Uhr an.

Seit 700 Uhr war ich mit der Taschenlampe unterwegs. Bei einer Rast schaltete ich die Lampe aus, um den Sternenhimmel zu sehen. Ich setzte mich auf die Steinkante des Trails. Plötzlich war hinter mir im Dickicht ein Geräusch, das auf ein größeres und schwereres Tier hindeutete. Ich schaltete die Taschenlampe an und leuchtete in die Richtung. Es huschte was, ich konnte aber nichts sehen. Ich nehme an, es handelt sich dabei um die einzige hier vorkommende Raubkatze namens Bobcat. Da ich keine Bilder dieser Gattung gesehen habe, kann ich nur raten, daß es sich um den in Amerika vorkommenden Puma handelt. (Viel später erfahre ich, daß es der vergleichsweise harmlose Luchs ist.) Ich mache mich unverzüglich wieder auf den Weg.

Meine Füße verlangten nun immer häufiger nach einer Rast. Auch geht das Wandern auf dem unebenen Gelände mit der Taschenlampe langsamer als bei Tageslicht. Bei der nächsten Rast schaltete ich die Lampe wieder aus. Wieder ein Geräusch hinter mir. Wieder Lampe an und hinleuchten. Vor mir stand ein kapitaler Hirsch im Abstand von ca. drei Metern. Er ließ sich durch die Lampe nicht beeindrucken.

Bei Indian Gardens füllte ich alle Flaschen erneut auf. Es war die letzte Wasserstelle auf dem Rückweg. Weiter gings, und zwar langsam. Meine Füße wurden immer schlimmer. Rasten brachte mich aber nicht voran. Irgendwie stellte ich fest, daß ein einfaches zwei-Sekunden-stehenbleiben schon sehr viel ausmacht. Irgendwann ging es dann aber auch nicht mehr und ich rastete wieder. Bei einer dieser Pausen, wo ich wieder dieses Geräusch hörte, leuchtete ich direkt in zwei Augen. Es handelte sich wieder um ein Bobcat. Das Tier drehte sofort den Kopf zur Seite. Ich machte mich wieder auf den Weg.

Mit den Füßen ging es so nicht weiter und ich überlegte, ob ich langsam so viel Höhe gewonnen hatte, daß ich mich ohne Angst vor Raubtieren mal richtig hinlegen konnte. Ich tat das dann und wachte nach einer Stunde durch die Kälte wieder auf. Meinen Füßen hat das richtig gut getan.

Mir war bereits vorher aufgefallen, daß ich von South Rim aus beobachtet wurde. Meine Taschenlampe war weit genug zu sehen. Schließlich konnte ich ja auch die Person da oben sehen. Und die leuchtete nicht.

Ich kam jetzt ganz gut voran. Vom Hinweg wußte ich noch, daß ganz am Anfang ein Tor im Felsen ist. Bei den vielen Sternschnuppen – ich glaube ja eh nicht daran – wünschte ich mir zweierlei:

1)       Daß ich da oben nicht von einem Ranger in Empfang genommen würde,

2)       Daß ich zum Tor gebeamt würde.

Plötzlich stand ich vor dem Tor. Das gab mir noch mal richtig Auftrieb. Der Ausgang war ja nun nicht mehr weit. Aber er kam und kam nicht. Ich hatte vergessen, daß es noch ein zweites Tor gibt.

Wieder konnte ich eine Person oben auf einem Balkon sehen. Ich glaubte, daß die Grand Canyon Lodge (Bright Angel Lodge), die es auch am South Rim gibt, das einzige so weit raus gebaute Gebäude wäre. Dazu, mir das vorher mal anzusehen, bin ich nicht gekommen. Plötzlich stand ich wieder vor einem Tor. Diesmal war es das ganz am Anfang. Ich hatte mein Ziel also so gut wie erreicht. In der Ranger-Station am Trailhead brannte Licht. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, in Empfang genommen zu werden. Um diesmal den Eindruck eines Versteckspiels zu vermeiden, ließ ich die Taschenlampe an. Aber niemand war da. Ich ging zu meinem Auto, stieg ein, alles völlig unbeachtet. Hier hatte man offensichtlich eine viel größere Gelassenheit. Das einzige, was bemerkenswert war, war ein Reh, das mitten im Gelände an den Büschen nagte.

Am nächsten Morgen beim Frühstück stellte ich fest, daß nicht die Lodge in das Tal hängend rausgebaut war sondern eine zum Bereich der Ranger gehörende Beobachtungsstation. Damit war endgültig klar, daß es kein zufälliger Beobachter gewesen sein konnte.

Am North Rim habe ich ein Sweatshirt gesehen, auf dem stand "Grand Canyon rim to rim to rim 1999". Dieses Shirt wollte ich mir voller Stolz am South Rim kaufen. Es mir vorher zu kaufen, kam für mich nicht in Frage. Pech. Dieses Shirt gibt es hier nicht. Nun kann ich es mir nur noch kaufen, wenn ich noch mal mit dem Auto zum North Rim fahre. Viel Aufwand. Aber ich denke, ich werde das in die Fahrtroute geschickt einbauen können. Für heute laufe ich am South Rim mit "Hike Grand Canyon North Rim" rum. Auch ganz gut. Fällt aber keinem auf. Anmerkung: Das Shirt habe ich auch später am North Rim nicht bekommen. Es wurde sogar behauptet, es hätte dieses Shirt nie gegeben. Ersatzweise habe ich dann ein halbes Jahr später mein "Hike Grand Canyon North Rim"-Shirt auf dem Rücken mit rim2rim2rim october 1999 besticken lassen.

[Grand Canyon] [Deutsch] [1. Oktober 1999] [North Rim] [Rückmarsch] [Tal der Götter] [English] [Photos 1999] [Photos 2004] [Impressum] [Software]